Viele autistische Menschen erleben ihre Umwelt anders als neurotypische Menschen. Reize wie Geräusche, Licht, Gerüche oder Berührungen können intensiver, schwächer oder verzerrt wahrgenommen werden. Diese Unterschiede nennt man Wahrnehmungsbesonderheiten.
Wahrnehmungsbesonderheiten bei Autismus betreffen nicht nur Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Fühlen, sondern auch Bewegung, Körpergefühl und innere Signale. Sie sind individuell sehr unterschiedlich – das macht die Vielfalt neurodivergenter Wahrnehmung so besonders.
Diese Besonderheiten sind keine Macke, sondern Teil der Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Sie prägen den Alltag stark, was angenehm, aber auch herausfordernd sein kann. Sie sind ein wesentlicher Teil von Autismus und machen deutlich, dass jeder Mensch die Welt auf seine eigene Weise erlebt. Mit Verständnis und Rücksicht können Räume geschaffen werden, in denen sich neurodivergente Menschen sicher und wohl fühlen.
Wie können Wahrnehmungsbesonderheiten aussehen?
Hören
- Hintergrundgeräusche (z. B. Lüfter, Kühlschrank) wirken extrem laut
- Schwierigkeit, Stimmen im Lärm herauszufiltern
- Bestimmte Tonlagen (z. B. Kreide auf der Tafel) sind kaum erträglich
- Sehr feines Gehör für leise Geräusche, die andere nicht wahrnehmen
Sehen
- Flackernde Neonröhren oder Bildschirmlicht blenden stark
- Schnelle Bewegungen oder Muster überfordern
- Hohe Sensibilität für Details (kleinste Veränderungen fallen sofort auf)
- Schwierigkeiten beim Blickkontakt (zu intensiv oder unangenehm)
Riechen
- Gerüche wirken überwältigend stark oder lösen Übelkeit aus
- Manche Gerüche werden gar nicht wahrgenommen
- Intensive Reaktionen auf Parfüm, Putzmittel oder Essensgerüche
Schmecken
- Bestimmte Geschmäcker sind extrem unangenehm
- Vorliebe für sehr klare, „einfache“ Geschmacksrichtungen
- Überempfindlichkeit bei bitteren oder würzigen Speisen
- bestimmte Konsistenzen von Lebensmitteln werden im Mund nicht ertragen
Tasten / Berührung
- Kleidungsetiketten oder Nähte fühlen sich schmerzhaft an
- Leichte Berührungen sind unangenehm, starker Druck beruhigend
- Schwierigkeiten mit bestimmten Texturen (z. B. klebrige oder krümelige Substanzen)
Gleichgewichtssinn
- Überempfindlichkeit gegenüber Bewegung (z. B. Autofahren, Schaukeln).
- Oder: starkes Bedürfnis nach Bewegung, Drehen, Springen.
Körperwahrnehmung
- Schwierigkeiten, den eigenen Körper im Raum zu spüren.
- Stolpern oder Anstoßen, weil die Abstände schwer einschätzbar sind.
- Oder: intensives Bedürfnis nach Druck, Gewicht oder fester Umarmung.
innere Körperwahrnehmung
- Hunger, Durst oder Müdigkeit werden nicht oder zu spät wahrgenommen.
- Schmerzen sind schwer einzuschätzen oder wirken übermäßig stark.
- Schwierigkeiten, Emotionen als körperliche Signale zu erkennen (z. B. Herzklopfen bei Angst).
Im Alltag können Überforderung, (wenn zu viele Reize gleichzeitig aufeinandertreffen) und Rückzug (um sich zu schützen, vermeiden manche Menschen bestimmte Orte oder Situationen) häufige Folgen sein.
Eine feine Wahrnehmung kann auch Vorteile haben, z.B. bei Musik, Kunst oder detailgenauen Beobachtungen. Somit können auch Stärken mit besonderen Wahrnehmungen einhergehen!
Wie kann das Umfeld unterstützen?
- Verständnis zeigen: Wahrnehmungsbesonderheiten ernst nehmen
- Rückzugsmöglichkeiten ermöglichen
- Reize reduzieren, wo es geht (z. B. gedämpftes Licht, leisere Umgebungen)
- Offen fragen: Person fragen, was ihr in der aktuellen Situation helfen würde

3 Comments
Tanja Paschke
26. November 2025 at 10:40Liebe Christine,
ich bin Ehefrau eines späterdiagnostizierten Mannes. Wir haben zwei, inzwischen erwachsene autistische Kinder (Sohn und Tochter). Du kannst deiner Liste noch etwas hinzufügen: beim Anblick von nicht festen Dingen. Ich meine z. B. Schaum (auf den Boden gekleckerte Rasierschaum oder vom Shampoo beim Haarewaschen …), der „stehen bleibt“, kann Würgreiz auslösen. Auch vertragen manche im Mund bestimmte Konsistenzen von Lebensmitteln nicht. Das sind Erfahrungen aus meiner Familie.
Liebe Grüße
Tanja
Christine Werk
27. November 2025 at 12:52Hallo liebe Tanja,
danke für deine Rückmeldung! 🙂
Das stimmt, Konsistenzen von Lebensmitteln können sich im Mund für manche Personen sehr unangenehm anfühlen. Das kann ich gerne mit aufnehmen. Damit können sich sicherlich viele Menschen identifizieren.
Der zweite Punkt mit dem Würgereiz beim Anblick von festen Dingen, finde ich sehr interessant! Ich bin mal gespannt, ob es auch anderen so geht oder ob sie ähnliche Dinge haben, die als unangenehm empfunden werden.
Liebe Grüße
Christine
Sylvia
12. Januar 2026 at 15:47Liebe Christine, liebe Tanja,
ich bin Autistin und kenne das mit verkleckerten Dingen, besonders bei eher schleimigen oder schaumigen Sachen, gut von mir selbst und auch von meinem autistischen Sohn.
Für mich fühlt es sich sofort so an, als wäre das Verkleckerte in meinem Mund und ich müsste das schmecken oder schlucken. Ich muss davon extrem würgen und bekomme je nach Situation den Anblick dann lange nicht aus dem Kopf und das Würgegefühl kommt immer wieder. Als Kind war das ganz schlimm bei mir, es ist mit den Jahren etwas besser geworden. Meinem Sohn geht es ähnlich. Als Kind konnte er den Anblick nicht ertragen, jetzt ist es nicht mehr ganz so arg.
Liebe Grüße,
Sylvia