Die erste Begegnung mit dem Thema Autismus
Das erste Mal bin ich mit dem Thema Autismus in Berührung gekommen als ich eines meiner Kinder in einem Verein für Hochbegabung anmelden wollte.
Mein Kind war damals im Vorschulalter und kognitiv sehr weit entwickelt. Vieles fiel früh auf, und schließlich sprach ich unsere Sorgen beim Kinderarzt an. Wir wollten verstehen, warum unser Kind zu Hause so herausforderndes Verhalten zeigte und ob wir vielleicht etwas falsch machten oder es nicht ausreichend förderten.
Kurz darauf hielt ich eine Überweisung zum Kinder- Jugendpsychiater in der Hand, der ein Stärken- und Schwächen-Profil erstellte. Das Ergebnis fiel insgesamt hoch aus, in einzelnen Bereichen sehr hoch. Eine Diagnose gab es nicht. Wir gingen mit dem Satz nach Hause, wir hätten ein „schlaues Kind.“
Mit diesem Gefühl von Zuversicht, nun endlich auf dem richtigen Weg zu sein, reichte ich die Diagnostik beim Hochbegabtenverein ein.
Doch ab da verlief dann alles anders als erwartet.
Per E-Mail erhielt ich eine sehr freundliche, aber klare Rückmeldung: In den Unterlagen gebe es Auffälligkeiten, die nicht allein durch Hochbegabung erklärbar seien. Und dort fiel zum ersten Mal der Begriff Autismus-Spektrum.
Meine erste Reaktion: Ich war erschrocken! Und bekam Angst…
Ich begann zu recherchieren und meldete mein Kind schließlich zur Diagnostik an. Das Ergebnis war eindeutig:
Autismus mit einer hohen kognitiven Begabung.
Einige Monate später ließen wir unser zweites Kind testen und auch hier wurde Autismus mit besonderen Stärken festgestellt.
Und nun?
Ich dachte: „Jetzt bekommen wir Unterstützung und hilfreiche Erklärungen und können unser Kinder kompetent begleiten.“
Aber: Pustekuchen!
Stattdessen begann eine lange Phase des Kämpfens, Erklärens, Aufklärens und des Nicht-ernst-genommen-Werdens. Unterstützung zu finden war deutlich schwerer als erwartet. Wir standen plötzlich vor einer Welt voller Unsicherheiten und Missverständnisse.
Die Erkenntnis – Von meinem Kind zu mir selbst
Während dieser Zeit fiel mir immer häufiger auf, wie sehr ich mich in meinem älteren Kind wiedererkannte.
Die ersten herausfordernden Situationen lagen lange zurück. Und je mehr ich beobachtete, desto mehr kam mir der Gedanke:
Ich verstehe mein Kind auf einer Ebene, die ich mir selbst nie erklärt habe. Woher kommt das?
Es fühlte sich an, als würde ich meinem eigenen kindlichen Ich begegnen. Aber ich war unfähig zu verstehen, wie ich mit diesen intensiven Gefühlen und Ängsten meines Kindes umgehen soll. Es war doch bis dahin alles in Ordnung, kein Blatt passte bisher zwischen uns. Wir hatten eine sehr gute Bindung zueinander.
Ich sah mein eigenes kindliches Ich vor mir und gleichzeitig meine Überforderung.
Ich ließ mich schließlich selbst testen und das Ergebnis war ebenfalls eindeutig: auch ich bin im Autismus-Spektrum.
Meine eigene Diagnose
Zunächst war ich erleichtert. Ich hatte mein Leben lang gedacht, ich sei „zu sensibel“, „zu schwierig“, „zu viel“. Doch nach der Erleichterung kam Traurigkeit.
Ich begann rückwärts durch mein Leben zu gehen.
Und plötzlich ergab so vieles Sinn:
- das ständige Gefühl des Andersseins
- die Erschöpfung durch Anpassung
- die Einsamkeit
- die Missverständnisse in Beziehungen
- der Druck, normal wirken zu müssen
- das Gefühl, nie wirklich dazuzugehören
Ich sah, wie viel Leid ich aus Unwissenheit erlebt hatte. Und gleichzeitig erkannte ich:
Ich war nie falsch oder kaputt.
Ich war einfach anders.
Ich hatte mich mein ganzes bisheriges Leben versucht anzupassen, um nicht anzuecken und dazuzugehören. Es hat mich unheimlich viel Kraft gekostet dieses Anpassen und es wäre einfach nicht nötig gewesen.
Ich bin gut, so wie ich bin!
Diese Erkenntnis war sehr heilsam aber gleichzeitig auch sehr schmerzhaft.
Heilsam, weil ich mich endlich verstand. Schmerzhaft, weil ich mich viel selbst geleugnet habe und mich selber immer in Frage gestellt habe, anstatt mir treu zu bleiben und zu mir zu stehen. Ich hatte so viele Jahre meines Lebens gegen mich selbst gelebt.
Was ich heute daraus ziehe
Heute weiß ich: Nicht ich war das Problem.
Es gab unsichtbare Hürden zwischen mir und einer Welt, die für neurotypische Menschen gebaut ist.
Ich bin sensibel, detailorientiert, tiefgründig, wahrnehmungsstark. Ich spüre Stimmungen sofort, erkenne Nuancen, erkenne Unstimmigkeiten – und spreche sie aus. Das kann unbequem sein, aber es ist auch eine Stärke.
Heute weiß ich: Meine Kinder und ich sind nicht falsch. Wir nehmen die Welt einfach anders wahr. Und genau das ist unsere Stärke.
Doch in einer Gesellschaft, die wenig Rücksicht auf Neurodivergenz nimmt, bedeutet das oft:
wir müssen erklären, uns rechtfertigen, uns anpassen, statt einfach sein zu dürfen.
Ich habe aus all dem eines gelernt: es ist so wichtig sich selbst und andere mit Akzeptanz, Wertschätzung und Liebe zu begegnen. Du weißt nie, was die andere Person durchmacht, was diese erlebt hat oder welche unsichtbaren Herausforderungen sie hat. Erst wenn wir jeden Menschen so annehmen wie er ist und in seiner Einzigartigkeit verstehen und wertschätzen, werden die unsichtbaren Hürden kleiner oder können verschwinden.
Vielleicht erkennst du dich oder dein Kind in diesen Zeilen wieder.

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