Verbinden & Berühren

Warum es keine Machtkämpfe sind

13. Januar 2026

Wenn Kleinigkeiten immer wieder eskalieren

Jeden Tag die gleichen Situationen, die zu Eskalationen führen.
Jeden Tag diese scheinbar unberechenbaren Wutausbrüche – und du denkst dir: „das kann doch nicht wahr sein.“

Mal ist es eine Socke, die im Schuh drückt.
Mal ist es die falsche Reihenfolge beim morgendlichen Verabschieden.
Oder nachmittags einfach nur das Ankommen zu Hause.

Du verstehst nicht, was gerade passiert ist.
Du findest keinen klaren Auslöser und plötzlich steht ein schreiendes und aggressives Kind vor dir.

Du fragst dich in solchen Situationen,: „was habe ich falsch gemacht?“
Du versuchst ruhig zu bleiben.
Je nach eigener Tagesform gelingt es dir mal mehr, mal weniger gut.

Wenn aus Überforderung ein Machtkampf wird

Und dann kommt der Moment.
Wo es in dir hochsteigt.
Du spürst, wie dein Verständnis für dein Kind schwindet.
Du wirst ungeduldig, genervt und fordernd.
Es ist doch nur diese eine Kleinigkeit, denkst du.
Warum ist das immer alles so schwierig?

Du redest auf dein Kind ein.
Es solle doch bitte einfach dies oder jenes machen.
Dein Kind reagiert aber leider überhaupt nicht so wie du es gern hättest.

Es wird patzig.
Vielleicht schreit es dich an, beleidigt dich oder zieht sich komplett zurück.

Du fühlst dich provoziert.
Wirst selbst lauter.
Im schlimmsten Fall machst du deinem Kind Vorwürfe, weil es bei anderen doch auch funktioniert.

Und plötzlich steckst du selbst mitten in einem Wutausbruch.
Du hast das Gefühl, du befindest dich in einem Machtkampf mit deinem Kind. Schon wieder.

Zweifel, Schuld und das Gefühl zu versagen

Weil diese Situationen täglich, manchmal mehrfach am Tag, auftreten, kommen dir Zweifel.
Habe ich in der Erziehung versagt?
Warum fordert mich mein Kind so sehr heraus?

Du fühlst dich hilflos.
Erlebst körperlichen Stress, emotionale Erschöpfung.
Hinzu kommen Selbstzweifel und Schuldgefühle.

Trotz größter Bemühungen hast du das Gefühl, nichts so richtig zu bewirken.
Du schämst dich für deine eigenen Ausbrüche.
Und fühlst dich als Versager in deiner Elternrolle.

Was, wenn es keine Wut ist?

Was aber, wenn es gar keine Wutausbrüche sind?

Was, wenn es ein Zeichen von Überforderung ist?
Ein Ausdruck von massivem Stress.
Von zu hohen Anforderungen an ein ohnehin überlastetes Nervensystem.

Genau das ist in vielen Fällen der Hintergrund.

Überforderung statt Provokation

Bei Kindern im Autismus-Spektrum handelt es sich in solchen Situationen nicht um Wut.
Es sind intensive Reaktionen auf Reizüberflutung, veränderte Routinen oder fehlender Vorhersehbarkeit.

Schon kleine Veränderungen können Auslöser für Overloads, Meltdowns und Shutdowns sein.
In akuten Überforderungssituationen kommen häufig Kommunikationsschwierigkeiten hinzu.
Dies kann sich in aggressiven und emotionalen Ausbrüchen äußern. Die Kinder verlieren die Kontrolle, nicht aus Absicht, sondern aus Not.

Aus dieser Perspektive wird deutlich, wie viel Hilflosigkeit und Verzweiflung darin steckt.
Und wie sehr diese Kinder unsere Ruhe und Unterstützung brauchen.

Mein eigener Perspektivwechsel

Ich habe lange Zeit selbst nicht verstanden, was ich „falsch“ mache. Bis der Verdacht aufkam, dass Autismus in unserer Familie eine Rolle spielt.

Als die Diagnose erstmalig vergeben wurde, empfand ich große Traurigkeit und Schuld.
Es tat mir unfassbar leid, nicht früher verstanden zu haben,
dass mein Kind Hilfe brauchte und nicht provozieren wollte.

Meine größte Herausforderung war es, diese intensiven Reaktionen und Gefühle nicht persönlich zu nehmen.
Oft ist sogar das Gegenteil der Fall:
Weil sich mein Kind bei mir sicher fühlte, zeigten sich die Ausbrüche gerade bei mir besonders deutlich.

Es geht nicht um Schuld

Mir geht es hier nicht um Schuld.
Sondern um Sensibilisierung.

Auffälliges Verhalten bei autistischen Kindern ist kein Zeichen von falscher Erziehung.
Die Ursachen liegen in einem überforderten Nervensystem.

Das Wissen darüber ist deshalb so wichtig und kann entlasten.
Und: es kann den Blick verändern – auf das Kind, aber auch auf uns selbst.

Vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo wir aufhören zu kämpfen und anfangen zu verstehen.

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